"dobbiamo essere la voce degli uomini senza voce"
(wir müssen die Stimme derer sein, die keine Stimme haben)
Andrea Bocelli
 

 

 








 


Nachdenkereien zu fliehenden Menschen und dem wenig ruhmreichen Umgang europäischer  - vor allem aber deutscher Politik(er) mit ihnen...



Es beginnt noch viel "früher", sowohl tatsächlich "zeitlich", als auch "sachlich":
Sämtliche Regierungsköpfe hätten sich schon vor Jahren mehr Gedanken dahingehend machen müssen und einheitliche Strategien entwickeln müssen.
Als da wären zuallererst: M
it welchen Vokabeln kommunizieren wir die Tatsachen?
Wie kommunizieren wir sie für die Menschen im eigenen Land! (da wird mit viel zu gefährlichem Vokabular hantiert)
und wie auch für die Menschen, die zwar Nöte fliehen, nicht aber akute Kriegsgefahr für Leib und Leben. Und zwar im Sinne christlicher Menschlichkeit einerseits, aber auch klar, wenn es um kriminelle Energieen von Menschen ganz gleich welcher Nationalität geht!
Eine für Politiker viel zu schwere Übung.

Wo liegt - sagen wir der Einfachheit halber - das Verschulden der westlichen Länder? Und wie muss da schnellstens eine Kursänderung herbei geführt werden...
Eine schwere Übung für Politiker, deren Länder zum Beispiel mit Waffenexporten die heimische Wirtschaft (oder was auch immer) aufhübschen...

Ein gewisses Augenmaß für Realitäten.
In wirklicher Angst und Not befindliche Menschen kann man nicht, wenn sie schon vor der Türe stehen, wie Schrauben und Muttern zählen, in andere Kartons umschaufeln oder gar erst bemerken, dass man überhaupt niemals an Kartons gedacht hatte...
Wenn das - leider viel zu bildlich gewordene „frown“-Emoticon - Kind ins Mittelmeer gefallen ist, man verzeihe mir meinen Sarkasmus - DANN hektisch zu werden und völlig kopf- und herzlos wirre, uneinheitliche und sogar gegensätzliche Schlagworte in die vernetzte Welt zu posaunen um effektive Taten VORZUTÄUSCHEN - ist für ALLE beteiligten kontraproduktiv.
Schlimm aber ist es für jene, die traumatisiert, ohne Habe und mit der Sehnsucht nach Ruhe und Angstlosigkeit vor eilig hochgezogenem Stacheldraht im Regen stehen - NEUEN Ängsten ausgesetzt.

Wir alle denken in Systemen und Strukturen, in Macht und Mächtigkeiten... aber wir haben vergessen, mit dem HERZEN zu sehen...
Ich halte es für dringend nötig, dass auch Politiker dafür klare Worte finden... so wie Eltern es ihren Kindern beibringen (sollten), wie gute Lehrer es ihren Schülern beibringen...
Eine viel zu schwere Übung für Politiker „frown“-Emoticon

Ab davon haben zu allen Zeiten Menschen ihre angestammten "Weidegründe" verlassen, wenn die Lebensbedingungen unerträglich wurden.
Sind aufgebrochen, fort gezogen, um anderswo neu zu beginnen...

Und immer haben sich Völker mit Völkern vermischt...

Als "DER" Europäer begann, Amerika zu "erobern" und in der Folge Franzosen, Iren, Schotten, Engländer, Deutsche ihrer Heimat den Rücken kehrten, da haben es die Ureinwohner des Kontinentes wohl übersehen, Barrikaden zu errichten, Goldsucher und halunkige Abenteurer, Ausbeuter und Krankeitenüberbringer sofort wieder zurückzuschicken...

DIE Europäer kamen einfach. Stempelten jene die schon so lange dort lebten, als niedere Menschen ab, drängten ihnen ihre europäische Kultur auf, ihre Religion...
nahmen das Gold mit und schlachteten die Büffel.

Natürlich hinken alle Vergleiche... und letztlich dann doch nicht.

Wir werden mit Menschen, die ihr Heil in unserer Welt suchen, leben müssen und können.
Keiner ist der bessere Mensch - zunächst.

Wenn Europas führende Politiker nicht klar sagen:

Wir müssen ein Herz für jene haben, die schlecht dran sind... helft Ihnen, Personal, Pläne und Material bekommt Ihr...

Wir werden kriminelle Menschen so behandeln, wie wir sie in diesem Land eben behandeln, egal, welchen Pass sie haben.

Wer aus seinem Land auswandern will, weil die Existenz dort ohne Perspektive ist, der aber eben nicht Leib und Leben in Gefahr hat, der darf einwandern, wenn er Lohn und Brot hat...

Solange Ministerpräsidenten einzelner Länder und Minister unterschiedlichster Ressorts jeder sein verbales Horrorsüppchen kochen und keine gute und fundierte Einheit dazu existiert, sind die eigentlichen GEFAHREN NICHT die fremden Menschen!

Sondern die Brüchigkeit eines offenbar nach aussen hin nur notdürftig zusammen geleimten Europa. Damit meine ich nicht die europäischen Landmassen - schon klar.
DA kristallisiert sich unter einer ganz logischen Herausforderung plötzlich heraus, was "echt" und was "unecht" ist!

Und:

Wo Verbände, Familien - oder für die Hundeleute "gemischte Mensch-Hund-Verbände" - Firmen ohne solide Führung, Länder ohne eben diese erkennbar länger vor sich hin dümpeln... entsteht Meuterei, Anarchie...
Wo (auch nur scheinbar) keine sichere und qualitativ gute Führung erkennbar ist, nehmen jene das Heft in die Hand, die MEINEN, es besser zu können...

DAS sind die eigentlichen Gefahren.



alexandra heinrich, 7. November 2015

Eine Dame... bin ich nicht.

 

Vor Jahren, als Baby-Filou ganze sieben Monate alt war und ich öfter mit ihm Stadt-Gänge absolvierte, auch Bahnhofsgetümmel "übte" - da hatte ich meine erste "hautnahe" Begegnung mit den Bahnhofsleuten...

 

Den Menschen, dessen Lebensgeschichte wir so genau gar nicht wissen wollen.

An denen wir schnell mit unseren Rucksäcken und Rollenkoffern vorbei rennen, um die nächste Straßenbahn noch zu kriegen - oder den Zug, oder den Bus.

 

Einer aus dem Szenario rief mir damals zu "ey - einen Windhund hast du da???" - damals fasste ich mir ein Herz und blieb vor den Gestalten stehen...

Ich fragte nicht viel... nur, ob er wohl auch einen Hund hätte...

Da erzählten sie mir ihre Geschichten... und streichelten Baby-Filou und einer bot mir aus der Sektpulle einen Schluck an und ein anderer besann sich auf alte vornehme Manieren und organisierte in der Bahnhofsmission einen Becher für mich...

 

Einige Jahre später lief ich an einem heißen Sommernachmittag über den Platz und ein Mädel aus der Bahnhofs-Truppe kam herbei gesprungen und rief... oh Mann - hast Du ein geiles Kleid!!! Ich sah sie an und mir fiel nichts weiter ein als "PINK"! Eine komplett pinke Erscheinung... und weil es offenbar für pinke Haare nicht gereicht hatte, hatte sie lauter pinke Bändchen in die Haare gebunden. Nicht besonders einheitlich pink, grade wie es so gekommen war, anscheinend...

Und ich trug mein - damals vielleicht schon zehn Jahre altes - knöchellanges, PINKES Trägerkleid. Mein Lieblingskleid...

Und ich beschloss, es beim nächsten Mal gewaschen und eingetütet mit zu bringen, wenn ich wieder über den Bahnhofsplatz gehen würde...

 

Immer steht da auch einer aus der Truppe und hält einen Becher hin. Für Kleingeld.

Und oft genug hatte ich anfangs richtig Skrupel... bis ich eines Tages wahrheitsgemäß sagte,

ich hätte nix dabei, wirklich nix.... außer drei oder vier Cent vielleicht noch.
Da grinste mich der Mensch an und meinte höflich und leise "des macht doch nix..."

Ich eilte drei, vier Schritte weiter - und irgendwas lies mich bremsen, zurück zum Becher-Menschen gehen: "helfen die weiter?"

"Logisch!" Und er begann das Kleingeld zusammen mit meinen vier Cent zu zählen: "siegst, für e Brez'n langts mer etz'" und grinste mich zahnlos an...

 

Seither gebe ich oft dem, der grade das Becherlein hält, das, was an Kleinkram vielleicht in meinem Geldbeutel ist. Und - zugegeben - ich, die ich noch im sozialen Netz hänge mit meiner Grundsicherung - ich habe oft wirklich nix oder nicht mehr viel im Geldbeutel...

Aber mehr, als sie...

 

Gestern nun laufe ich mit Julen zum Zug - wir hatten Gabriel in die Stadt begleitet und zu seinem Bus... und uns von - wieder mal - den letzten Euronen ein Eis auf die Hand geleistet.

Seit Tagen warte ich Hände ringend auf sein Feriengeld, das ich eigentlich für seine Pfingstferien bei mir  hätte bekommen sollen.... Ämter - - - arbeiten langsam.

 

Aber ein Eis... - Mensch! Es ist Sommer und schönes Wetter und was leisten wir uns schon...?
Weniger Kopf, mehr Bauch... es ging sich noch immer aus und diese Woche wird es kommen, das verspätete Pfingstferiengeld.

 

Da steht wieder einer mit seinem Becher... und ich hab nix. Und das sag' ich ihm auch.

Und fahre aus lauter Reflex mit der Hand in meine Hosentasche wo Julens gebackene Leckerli sind und sage "bloß Hundeleckerli... "

 

"Is doch net schlimm...! Wenn die anderen mit de Hünd' komme...!?!?!" Er sieht mich fragend an...

Da fasse ich tief in meine Hosentasche - lasse klammheimlich für die Jul' noch drei Stückchen drinnen - und fülle ihm in seine schwarze große Hand die Leckerli...

"Oh, cool..." sagt er und geht zum Rest der Truppe, bückt sich und leert alles säuberlich in einen anderen Becher... ein Kumpel beobachtet ihn und ich höre, wie er erklärt - indem er wieder zu uns herüber kommt "die sin vo derer Frau"

"Zu derer derfste net 'Frau' sach, des is e Daaame!" belehrt in sein Kumpel dort am Boden hockend... ehe er mir erklärt, wann "die anderen mit ihren Hunden" kommen und dass die sich bestimmt total freuen werden... ruft er zurück: "E Dame hat uns no nix für die Hünd' gebe... des is ke Daaame...!"

 

Die Jul' und ich - wir gehen zum Zug und mir sind die Augen schon ein bisschen nass.

 

Ich hab wirklich zu "Stoßzeiten" richtig Ebbe in der Kasse.... aber - es ging sich tatsächlich immer wieder aus...
Wenn das Feriengeld für Gabriel da ist... und mein Budget wieder stimmt, dann besorge ich

ein paar Futterdosen und Leckerli für die "Hünd'" der Bahnhofsleute...

 

Ist das schon wieder vermessen, wenn jetzt ganz gern "ke Dame" bin...?

 

copyright alexandra heinrich, Juni 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

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JA - mir wächst der 25-Jahre-Mauerfall-Rummel samt Selbstbeweiräucherung der Politikerkaste bei den Ohren raus...

aus verschiedenen Gründen

Stattdessen schreibe ich nun lieber einen Brief an meine Tante Süßmilch.

 

                                                                                      9. November 2014

 

Liebe Tante Süßmilch,

 

erinnerst Du Dich noch daran, wie wir im Teepott in Rostock essen wollten?

Fast zwei Stunden! mussten wir zuvor in der Schlange stehen... und was hatte ich für einen Hunger.

Den Hunger, den man eben mit 12 Jahren mitten im "Wachstum" hat :-)

 

Zuvor hattest Du mir  an einem Kiosk Bockwurst und Brötchen kaufen wollen...

Aber: Bockwurst hatte es an dem Tag keine, nur trockene Schrippen. Und die wolltest Du mir nicht antun.

Und Du glaubtest mir nicht, dass ich gerne auch eine oder zwei trockene Schrippen gegessen hätte... wo ich doch aus dem Westen bin...  ;-)

 

Und nu standen wir hier an diesem grauen diesigen Tag und guckten aufs Wasser... als wir endlich nachmittags um zwei! an der Reihe waren hast Du mir Deine Pellkartoffeln zu meinen auf den Teller gehäuft... denn ich wollte gar kein Fleisch!

Mir dann Soße drüber gemacht und dafür meine Portion faseriges Gulasch mit gegessen... ich vergesse nie die Worte: "Ach... was ein richtiger Mecklenburger ist, der braucht Kartoffeln.

Ein Mecklenburger ohne Kartoffeln ist gar keiner".

 

Obwohl der Kellner schon missmutig zu uns rüber sah weil wir viel zu lange brauchten und einfach essen sollten und dann wieder gehen... ;-)

bestelltest Du noch Nachtisch... Vanilleeis mit Birnen - und ich hatte Kernhaus im Eis.

Und Du sagtest "oh... nix haben ist das eine. Aber etwas haben und daraus dann nix machen... DAS ist wohl Kunst" -  Wir haben gelacht... aber damit fielen wir ziemlich auf - damals.

 

Dann endlich hatte der Kellner Grund, erleichtert zu gucken, weil wir gingen... eigentlich wollten wir noch in ein Cafe... und nach Rügen.

Aus Rügen wurde dann nichts, weil wir so lange an der Tankstelle warten mussten, bis wir dran kamen.  Und ein Cafe fanden wir nicht...

 

Ich weiß noch, dass Du mir damals das Geheimnis um die Lichtorgeln gelüftet hast.

 

Nene... nicht nur meine Eltern packten Pakete...

Ihr habt ja auch immer geschickt :-)

Briefpapier, damit ich Dir schreibe...

Und Sandmännchen - meines hatte eine dunkelrote Jacke und ne ebenso dunkelrote Mütze... und einen dunkelblauen Umhang und einen Sack über der Schulter.

Meine Schwester bekam eines mit hellroter Jacke und grauem Umhang. Das hatte den Sack abgestellt....

Ach was gäbe ich heute, wenn ich mein Sandmännchen noch hätte. Aber als ich mit 18 auszog, räumte meine Mutter sehr radikal auf... :-(

Ja... ich las "Das Pferdemädchen" von Alfred Welm und kann heute noch den Anfang auswendig... "Manchmal träumte das Mädchen..."

und "Rauher Wind am Birkhuhnsee" und "So ein Struwwelpeter" mit den Geschichten vom Fernsehfrank, dem Stachelbeerenfritze und Angelika und vom Kaputtmacher Siegfried, von Hansgeorg Stengel und Karl Schrader. Die meisten Verse kann ich noch :-)

 

Ach ja... und die Lichtorgeln... wie viele Male hatte ich Dir geschrieben im Lauf der Zeit, dass wir nun doch schon genügend Lichtorgeln hätten, und "pssst, Mutter darf das nicht wissen.... aber sie verschenkt sie inzwischen schon weiter" aber: wir bräuchten viel eher die passenden Kerzen dazu. Und ob Du nicht mal diese passenden Lichtorgelkerzen in ein Paket tun könntest??? Die Baumkerzen, die es hier zu kaufen gibt, die passen nicht in die Halter... und man muss sie immer umständlich ein kleben.

Und normale Kerzen sind viel zu groß (passen auch nicht in das Schälchen).

 

An jenem Nachmittag... an der Tankstelle erzähltest Du mir, dass Du eine Kollegin in der Diätküche hättest, die sehr gut an diese Lichtorgeln käme, weil sie jemanden kennt, der einen kennt, der in einer Fabrik arbeitet, wo die gebaut werden.

ABER Kerzen gäbe es immer nur MIT ner Lichtorgel zusammen... deshalb hattest Du jedes Jahr zu Weihnachten eine neue Lichtorgel eingepackt... damit wir wenigstens Kerzen für eine Lichtorgel hätten...

 

Später - weil ja aus Rügen nix geworden war, spazierten wir noch ein wenig durch Güstrow.

Und drückten uns die Nasen an einem Geschäft platt und Du sagtest "daaaas, das ist dem Honecker sein Laden! Oh... siehst Du was es da gibt... ??? So eine feine Margarine, wie ihr die immer habt!"

Ich wusste nicht, was an unserer Margarine "fein" sein sollte...  Schon seit längerem kaufte meine Mutter keine Butter mehr, sondern Margarine, weil mein Vater arbeitslos war - damals.

Und sie hatte nur eine Stelle an drei halben Tagen die Woche...

 

Damals, liebe Tante Süßmilch - als wir vor Honecker seinem Laden standen - hab ich Dir wohl das Geheimnis von unserem Westen ein wenig gelüftet und als ich begriff, dass Mutter das wohl nicht gerne hören würde... hattest Du schon von Dir aus versprochen, nix zu sagen!

 

Mutter seufzte in jenen Jahren oft, wenn es ans Paket packen ging... was ins Paket tun und doch nicht zu viel Geld ausgeben....

 

Wir kamen dann an einer Fleischerei vorbei und Du riefst aus... "oh... der hat Wurst! Lass uns schnell da rein gehen, es ist noch gar keine Schlange vor dem GEschäft.... komm, komm, komm... rein.... -  das sind leckere kleine Würstchen... die kaufen wir!"

 

Ich sah mich in dem relativ großen Geschäft um: An der Wand hingen ungefähr fünf riesenhaft lange Würste... eher eine Art Dauerwurst und in einer großen Schale genau die selben Würste in klein. Das war alles.

 

Davon kauftest Du nicht eben wenig... puh. Wie die anderen guckten....

 

Draussen kicherten wir zusammen in die Tüte.... "oooch... wie das riecht. Und die sind wirklich lecker, das wirst Du sehen. Nun wollen wir sehen, wo wir noch Brötchen kriegen."

 

Na klar fanden wir nirgends einen Bäcker der etwa gegen Abend noch Schrippen zu verkaufen gehabt hätte... und wir mussten laut lachen, als ich Dich an den Kiosk vom Vormittag erinnerte: Dort hätte es ja jede Menge Schrippen OHNE Bockwurst gegeben...

 

Oh, sagtest Du da... DANN essen wir jeder zwei Würstchen einfach so.

 

Ich gab zu bedenken, dass wir zu Hause normalerweise nur ganz selten Wurst einfach so ohne Brot essen dürften... nur an besonderen Tagen.

Ich sehe uns noch auf der wackligen Bank irgendwo in Güstrow sitzen... "dann, dann ist HEUTE und hier ein ganz besonderer Tag!" hast Du gesagt... und wir aßen die kleinen Dauerwürstchen so... ohne Brot und Schrippen... und bekamen mächtig Durst...

 

Weißt Du noch, Tante Süßmilch, dass ich in jenem Sommer ganz durch den Bülower See geschwommen bin und wieder zurück? Drei Kilometer.

Mutter und ich... und was hattest Du für eine Angst.

Ich hab später so oft dran gedacht.

 

Und was hatten wir für eine Angst, als Du den Taschenrechner mit "nach drüben" genommen hast.

An der Seite unterm Arm in den BH eingenäht... Mutter, Du und ich tüftelten eine Ewigkeit den Taschenrechner dort rein... dann musstest Du alle Klamotten, die Du für die Reise anhaben wolltest Probe tragen... und wir sollten gucken, ob und was man merkt...

 

Und "drüben" konntest Du ja schlecht bei uns anrufen und ins Telefon jubeln "hat geklappt".

WER wusste damals schon, wer da in der Leitung mit hörte....

 

Liebe Tante Süßmilch... dass die Mauer Löcher kriegte und alle einfach durch können - hast Du nicht mehr erlebt.

Als ich 1988 im März mein erstes Kind zur Welt brachte, bis Du in die andere Welt gegangen.

 

Und als alle ungläubig an den Fernsehapparaten saßen, hab ich viel an Dich gedacht.

Damals wartete ich auf die Geburt meines zweiten Kindes - und putzte grade Schuhe - immer ein Auge am Fernseher...

Was Du Dir wohl heute bei diesem ganzen Spektakel denkst? Guckst Du zu?

 

Alles Schall und Rauch... Finde ich.  Das Leben findet täglich statt.

 

Heute könnte ich einfach mal eben nach Rügen fahren.  Müsste nirgends Schlange stehen um Benzin. Und niemand würde es mir Stück für Stück auseinander nehmen...

Aber: ich habe kein Auto mehr. Und hätte auch kein Geld für Benzin.

Ich hab ja nicht mal welches für eine Bahnfahrt dorthin.

 

Ja - es gibt nach wie vor "Aufreger" auch in dieser Republik.

 

Von damals hab ich nichts mehr, außer einer Lackdose und einem kleinen Kelch dazu.

Kein Sandmännchen und keine Lichtorgel... :-(

Über viele Jahre hinweg hab ich noch immer den kleinen Räucherpilz auf meinen Umzügen gerettet... erst verlor der kleine Holzstapel Hölzchen um Hölzchen.... dann ging der Kamin ab und ich klebte ihn immer wieder, damit die Räucherkerzchen dort raus qualmen konnten...

 

Schließlich kam die Bodenplatte abhanden und nach meinem letzten Umzug bei dem mir viele Fremde helfen mussten, weil ich nicht mehr konnte... war er verloren gegangen...

 

Liebe Grüße

Alexandra

 

 

 

 

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"Brot und Spiele" - funktioniert immer noch


Gestern Abend hatte ich eine tolle Runde mit Jule im Weinberg. Spontanentschlossen... und aussertourlich.

Unter uns aus allen Fenstern und Gärten die eifrig Fiebernden:
Deutschland-Ghana
Wir im späten Mittsommer-Abendrosa allein im Weinberg...

Die unten vor den Riesenflachbildschirmen hätten uns sicher glauben machen wollen, uns entginge was...
Dabei... ist jenen vielleicht ja auch was entgangen

Und... warum werde ich den Gedanken an "Brot und Spiele" einfach nicht los???

Nein, nicht dass ich gegen ehrliche sportliche Wettkämpfe egal welcher Sparte was hätte.

Aber merkt denn niemand, dass allein schon das Kaufen von Spielern für ultrahohe Summen abstrus ist?
Sieht denn niemand, wie schief das alles läuft?

Nie war es so einfach, an Hintergrund-Infos zu kommen... NOCH!

Mal angenommen, in Eu'rem 400-Seelen-Dorf spielen die Jungs und Mädels zwischen 6 und 10 Jahren super gern Fussball.

Deine beiden Kinder... ja!!! DEINE spielen da auch mit. Einfach weils Spaß macht.
Dann hat wer die Idee, einen Fussballplatz einzurichten... Nur wo?
Super wäre ne kleine Wiese, aber der Weg dorthin liegt auf dem Grundstück der alten Frau Meier. Hm... aber die kann ja nicht mehr so gut. Den Weg und vielleicht einen Teil von ihrem Garten... könnte man sicher von ihr kriegen.
Da stehen doch sowieso nur Blumen am Zaun... wenn man ihr gut Geld gibt?

Frau Meier will das nicht. Die Blumen... sind ja nicht irgendwelche Blumen. Die hat doch noch ihr Mann... und nirgends als in der Ecke gedeihen die Erdbeeren so gut!

Ach was... es geht doch um die gute Sache... Frau Meier!!! Sie haben dann weniger Arbeit! Ist doch toll...

Die einen bekommen bei der Geschichte Magengrummeln, die anderen findens toll. Und schon fängt eine Spirale an... noch leise... aber sie dreht sich schon...
Merkt Ihr was?

Dann kommt einer, der macht das mal "richtig" und trainiert die Kinder.
Der stellt dann alsbald fest, dass DEINE, ja DEINE Kinder soooo talentiert gar nicht sind... aber im Nachbardorf könnte man mal rum fragen und die beiden durch bessere "Talente" ersetzen. WEnn man ihnen ne Kleinigkeit anbietet, vielleicht?
DEINE, ja Deine beiden - dürfen auf der Ersatzbank (die ist auch neu jetzt!) sitzen. Ist doch auch nett, oder?

Jeder darf selber weiter fabulieren...

***

Spätestens seit den Winterspielen in Russland - mit samt den gelinkten kleinen Leuten, über die nach den Spielen keiner mehr redet... spätestens seit diesen Spielen schlich sich bei mir eine dumpfe Interesselosigkeit ein.
"Sowas" will ich nicht.

Hab ich auch jetzt bei mir beobachtet. Bis 2006 gehörte ich auch zu jenen, die sich von der Begeisterung anstecken ließen...

Niemand kann sagen, er wisse nicht um Korruption, um Gemauschel, um Prestige- und Machtkämpfe auf kosten kleiner Leute und ihres kleinen Lebens...

Nein, ich weiß es nicht genau... aber wenn es eine WM mit gesunder Struktur und allein um der Sportlichkeit Willen gäbe...
würde ich womöglich auch wieder gucken.
Wenn es ein gesundes Maß gäbe... überhaupt...

Was genau wäre das, ein gesundes Maß für alles... und wo ist es nur geblieben?

So war mir der Mittsommerabend mit den Rosen zwischen den Rebstöcken, den Vögeln im Abendgesang und der Jule-Hund mit mir...
trotz meiner Nachdenkereien... angenehm -

 

 

 

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WAS ALLES GAR NICHT IN DIE TÜTE KOMMT

 

Da hat die EU wieder mal ein enormes Schrittchen nach vorn gemacht mit dieser Entscheidung gegen Plastiktütchen für Obst und Gemüse!!!

 

Ja - so glauben die Europäer, dass wirklich Grundlegendes für die Umwelt und gegen Plastik getan wird!

 

Wie jetzt genau das dann umgesetzt werden können soll, darf jedes Land selber entscheiden.

Das ist aber doch schön von der EU.

 

Wo sie sonst so rigoros ihre Bahn brechenden Entscheidungen gleich allen aufdrückt. So wie das Glühlampenverbot. Die wahren Hintergründe dazu durfte der EU-Bürger sich als Feierabendbeschäftigung selber ergoogeln.

 

Also auf zur Plastik freien Umwelt. Das wird toll!

Ich jedenfalls kann mich noch sehr gut an braune Papptüten in den damals aufkommenden Supermärkten erinnern.

 

Es gab große und kleinere spitze Tüten. Mit etwas blässlich aufgedruckten Äpfeln und Trauben... Hat alles funktioniert. Wie ja auch das mit der offenen Milch und der Milchkanne funktionierte...

Den Salatkopf hat meine Mutter in Zeitungsblätter eingewickelt.

 

Ich wüsste jetzt gern von der EU, wann sie die hautnahen Folienanzüge für Salatgurken verbietet. Oder die Plister-Verpackungen für Bananen. Oder die Plastikbeutel in denen die Karotten immer so vor sich hin schwitzen... meist noch in Plastikschalen.

 

Ich wüsste auch gern, warum überhaupt Birnen und Äpfel unter Plastikfolie verkauft werden müssen. Und Paprika in Plastikschläuchen. Und die 2,5 Kilo Bio-Äpfel in der ??? na??? Richtig! Plastiktüte... fertig eingeschweißt.

 

Aber: das erste Schrittchen ist gemacht.

Mehr kann man von der EU nicht erwarten. Also größere Schritte! Da würde die EU ja irgendwelchen Plastik-Tüten-Konzernen auf die Schlipse treten... DAS geht ja gar nicht. Die werden am Ende dann sauer... und stellen Spendengelder ein oder was weiß ich.

 

Und mit dem Verbötchen von Plastik-Rascheltütchen können wir uns erst mal Gewissen-beruhigt zurück lehnen und dafür Hautcremes in eingeplisterten Schächtelchen kaufen, oder  ein paar mehr raschelige Abfallbeutel aus Plastik.

 

Apropos Abfallbeutel: das Tolle ist: die Stadt hier hat ja schon im letzten Jahr begonnen, offentliche Abfallbehälter abzubauen.

Jaja - die neben Parkbänken und so...  dafür stellt sie tapfer neue Kotbeutel-Spender auf... Kotbeutel aus ??? na??? Richtig! Plastik, was sonst...) für die Hnterlassenschaften von Wauzis.

 

Bloß... ohne Abfall-Dingens unten drunter. Nu stehen also sehr oft die kommunalhörigen, braven Hunde-Menschen mit den Beutelchen in Händen rum, den fast kompletten Spaziergang noch vor sich.

So manches Kotbeutelchen landet dann in Hecken, unter Büschen und zwischen verschwiegenen Parkbaum-Wurzeln.

 

Okay - darum kann sich die EU jetzt echt nicht kümmern, aber fragen würd' ich schon gerne, was schneller vergeht: Plastikbeutelchen oder die Häufchen ohne Hülle... und wann zur Hölle verordnet die EU fahrbare Mülltönnchen für Hunde-Leute???

 

So zum Hinterher-Ziehen für Groß- und Mehrhundehalter und tragbar vielleicht für Kleinhundler...

 

Das würde Plastiktütchen sparen UND städtische Abfallbehälter...

 

 

 

 

 

 

Jeder Zweite, jeder Fünfte und jeder Sechste…

 

Zerrissen fühle ich mich schon lang. Sehr zerrissen. Aber vergangene Woche habe ich gehört, warum das so ist. Und das tut schon mal gut. Auch wenn es natürlich nichts ändert.

 

Ich trage einen Organspendeausweis mit mir, demzufolge bin ich „jeder Fünfte“.

Weil ich auch innerhalb der Armutsgrenze lebe, lt. einer Erhebung (welcher weiß ich nicht mehr… weil ich das nur am Rande mit verfolgte… ich bin nämlich auch noch jeder Zweite und als solcher wandere ich! Und muss mich deshalb ab und an dafür ankleiden…) bin ich noch jeder Sechste.

 

Ich weiß nicht, ob es Studien darüber gibt, dass man auch mehrere „te’s“ zugleich sein kann. Mich hat auch keiner gefragt. Ich wurde es per Statistik oder Erhebung oder Auswertung… Auswertung von was? Wenn mich keiner gefragt hat? Gibt es in meinem Geldbeutel etwa eine versteckte Kamera? Womit man sehen kann, dass da ein Organspendeausweis steckt, Geld aber nicht?

 

Mich HAT keiner befragt! Das ist nun sonderbar. Vermutlich gehöre ich auch noch zu den 33,3333333333 % der Bevölkerung die für Statistiken eben nicht befragt werden.

 

Ein Glück ist, dass ich momentan keine aktuellen Auskünfte darüber habe, die wievielte Frau ich bin, die als Single Hundebesitzer ist. Oder Mehrfach-Hundehalter. Oder: geschieden ist. Oder die wievielte Frau, die ihr burn-out verschleppt hat. Oder die wievielte Frau mit vier Kindern… oder die wievielte Frau ich bin, die sich für Tierschutz einsetzt (nicht den Pseudo-Helft-Helft-Tierschutz… bewahre!). Die wievielte Frau ich bin, die täglich unter drei Stunden arbeitsfähig ist…

 

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß… pflegte meine Oma zu sagen und war vermutlich die 1. oder mindestens die 2. ihrer Zeit, die noch Sprichwörter kennt! Heute wäre sie vermutlich die Siebte oder Achte…

 

Ich gehöre auch noch zu den ichweißnichtwieviel Prozent, die mit posttraumatischer Depression leben… oder so. Ich gehöre nicht mehr zu den 10. oder 12. die noch richtige Bücher lesen. Weil ich einfach dazu keine Konzentrationsfähigkeit habe.

 

Ich gehe JETZT als ich mit meinem Hund für eine gute Stunde durch die Herbstsonne und gehöre damit zu den 2,27 % der Bevölkerung, die ihren Wocheneinkauf nicht am Freitag erledigen. Weil ich jede Sechste bin, und nicht immer Geld für den Wocheneinkauf habe!

 

Zum Glück sehen meine Hunde nur ein kompaktes Frauchen, das Leckerli in der Tasche hat, Futti herrichten kann und die Ohren krault…

 

 

 

 

 

 

 

 

  Geankenpaket zum 4. Oktober

 

Der Drogeriemarkt-Prospekt… da liegt er zusammen mit einem Bündel anderer bunter Papierteile, deren Herstellung sich der Hersteller hätte sparen können – meinetwegen.

 

Und was steht beschwörend, als wäre es doch etwas enorm Wichtiges, auf der ersten Seite des Drogeriemarkt-Prospektes unter drei adretten wolligen Viecherl:

 

Nicht vergessen: Welttiertag am 04.10.2011! Jetzt schon an Ihr Haustier denken!

 

Aha. Mal ganz abgesehen davon, dass das angefügte „2011“ völlig überflüssig ist, weil es suggeriert diesen Tag gäbe es nur ein einziges Mal, nämlich am 4. Oktober diesen Jahres, schäumt mein Tierschutzverständnis gewaltig beim „jetzt schon an Ihr Haustier denken!“

 

Noch ein „Aha“.

Dächten wir alle nur am 4. Oktober an unsere Haustiere, stünde es um „Hund, Katze, Maus“ noch schlechter, als eh schon allerorten zu lesen ist. Denn auch der deutsche Tierschutz hat jede Menge Dreck an diversen Stecken und eine Menge schwarzer Schafe tummeln sich zum Unwohlsein von Tieren.

 

Meine Hunde bekommen an jedem Tag dieses Jahres und bekamen es auch im Jahr davor und werden es hoffentlich auch im nächsten Jahr bekommen, täglich 1 kg Rohfleisch auf zwei Mahlzeiten verteilt, einmal mit einer Portion eingeweichter Haferflocken plus frischer Kräuter aus meinen Töpfen oder wahlweise Reis vermischt und bei der anderen Hälfte des Abends gibt’s als Rohkostbrei alles was mein Mixer so an Obst und Gemüse zerkleinert mit Joghurt und mal Öl, mal Ei … manchmal die übrigen Nudeln oder Kartoffeln meiner Mahlzeiten, dazu jede Menge Leckerli auf den Spaziergängen, bei Spiel und Übung und zwei Mal die Woche Rinderbrustknochen. Alle haben Liegeplätze aus Bettdecken mit diversen wechselbaren Bettbezügen und dazu Kopfkissen. Es gibt ab und an die Erlaubnis für Sofaplatz oder Bettchenschlummer, wenn von mir gestattet. Alle haben hübsche und praktische Geschirre, schöne Halsbänder… nicht nur EINES und ordentliche, farblich passende und zweckmäßige Leinen. Jeder meiner Hunde hat einen Futterbeutel als Dummy und kriegt zum Clicker-Training Käse oder Wurst!

 

Ich gucke meinen Hunden bei den täglichen Streicheleinheit-Vergabe-Zeiten in die Ohren und auf die Zähne und schneide wenn nötig die Krallen…

 

WARUM, WARUM um alles in der Welt sollte ich ausgerechnet am 4. Oktober an meine gehegtes und gepflegtes Tier denken? Weil ein Drogeriemarkt ein bisschen super billigen (in des Wortes doppelter Bedeutung) los werden will?

 

Wo es tausende Tiere gibt, die es bitter nötig hätten, dass mal jemand an sie dächte??? Mal ganz davon abgesehen, dass es in Südafrika verheerendes Menschenelend gibt? Mal ganz abgesehen davon, dass sich in Nordafrika Menschen in Lebensgefahr begeben, weil sie die vage Hoffnung auf ein besseres Leben unter einem freiheitlicheren Regime trägt und es dort an allem mangelt, was ein gutes Menschenleben bräuchte? Mal davon abgesehen, dass in der innersten kältesten Russischen Taiga sich kaum jemand Gedanken um alte Mütterchen und Väterchen macht, die hinter schiefen Gartenzäunen in wackligen Bretterhäusern verlassen von jeglicher russischer Regierung vor sich hin vegetieren?

 

So – lieber Leser… wenn Sie an all das schon mal gedacht haben und so nebenbei, weil Sie die Tagesnachrichten grade dahin gehend motivieren, es auch am 4. Oktober zufällig tun und wenn Sie zufrieden auf ihren zwitschernden Wellensittich in der warmen Oktobersonne auf dem Balkon gucken oder auf ihre wohlig schnurrende Katze und das glänzende Fell ihres Wauzis – DANN denken Sie vielleicht mal eben noch an bedrohte Tierarten dieser Welt, an Wale und Haie – in verschmutzten Weltmeeren vom Aussterben bedroht. Dann denken Sie mal eben noch an gequälte Tiere aus Animal-Hoarding direkt vor der Haustür mitten in Deutschland. Oder an Massenvermehr-Anstalten erbkranker Hunde in Polen oder Frankreich… und wer will es schon wissen? sicher auch irgendwo in Deutschland…

Oder Sie denken ein wenig über misshandelte und qualvoll getötete Windhunde Spaniens nach…

 

Noch mehr Input gefällig? Sie dürfen am 4. Oktober auch über entsetzliche Tiertransporte zur Ernährung der Menschheit nach denken oder über ebenso entsetzliche Tier(meist Hunde-)transporte im „Namen des Tierschutzes“. Oder über Hähnchen-Elend in Mastanstalten.

 

Wenn an diesem 4. Oktober dann noch Platz ist für Gedankengänge und Ihnen noch nicht der Kopf raucht und die Seele schmerzt ob des Menschen- und Tierelends dessen wir auf dieser Welt fähig sind, DANN könnten Sie noch darüber nach denken, warum sie ausgerechnet am 4. Oktober über Ihr Haustier hätten nach denken sollen!

 

War da was? Ach, religiös sind Sie jetzt nicht so… ich sage es Ihnen trotzdem: der 4. Oktober ist der Gedenktag des Heiligen Franziskus von Assisi! Eine wahrlich faszinierende Person – auch ohne die Legende um den Wolf von Gubbio, mit dem Franziskus gesprochen haben soll. Auch als nicht religiöser Mensch lohnt dieser Mann und sein Lebensweg ein paar Gedanken.

 

Und noch ein Tipp: all diese Denkanstöße die ich Ihnen hier mit geben wollte sind für meinen Geschmack etwas viel für einen einzigen 4. Oktober…

 

Denken Sie einfach immer dann, wenn Sie Ihrem Tier den vollen Futternapf hin stellen an die geschundenen Geschöpfe dieser Welt! Mensch UND Tier.

Ach, Sie haben kein Haustier?

 

Macht nichts: Denken dürfen Sie auch so…

 

 

 

 

 

 

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Sommertheater

 

„Sommer-Notizbuch“, „Sommer-Kino“, Sommer… Sommer… Sommer…

„Unsere br-Sonntagsbeilage im Sommer“ oder was auch an umständlich klingenden Wortgebilden mit „Sommer“ geht… es ist vorbei.

 

Die Wiederholung der Wiederholung, das „Sommerprogramm“ der Volontäre, die Sommernachtsphantasien die man mit dem „2. besser“ sah…

 

Nicht dass es ganz nett wäre, mal wieder einen Film zu gucken, den man vor drei, vier Jahren gut fand. Oder sich zeitloses Kamingeplauder nochmals anzutun und erst beim zweiten Hinsehen festzustellen: ähm – ist ja gar nicht aktuell.

 

Viel schlimmer scheint mir, dass man uns ständig erklären will: Leute, es ist Sommer! Und da ticken die Uhren leider anders, ist doch toll! Wobei die Diskrepanz zwischen „toll“ und „leider“ von mir beabsichtigt ist.

 

Während uns – offensichtlich im „Sommer“ daheim Gebliebene mutige Moderatoren sommerliche Politker befragen, vor sommerlicher Kulisse (wo sie die wohl aufgetrieben haben, wo es bei mir mindestens einmal pro Tag regnete…), stelle ich fest: es gibt keine Sommernachrichten, es gibt in diesem Jahr nicht einmal ein „Sommerloch“ – außer wettertechnisch. Die Nachrichten wurden nicht nur noch alle zwei oder drei Stunden aus meinem Radio geschickt und weder Tagesthemen noch Heute-Journal waren auf fünf Minuten geschrumpft, geschweige denn durch Wiederholungen ersetzt worden.

 

Dabei bin ich mir fast sicher: die eine oder andere aufgeplusterte, selbstherrliche Antwort aus der Politiker-Riege hätte man durchaus aus dem Archiv holen können und keiner hätt’s gemerkt. Und so bitter es ist: die Bilder von Hunger und Zerstörung unterscheiden sich auch in diesem Sommer nicht von Bildern aus vergangenen Jahren…

 

Die Menschheit teilt sich nach wie vor unaufhaltsam in diejenigen die manipulieren und Phrasen dreschen, geldschwere Klimmzüge als die tollste und beste Entscheidung überhaupt verkaufen und denjenigen, die ihre paar Groschen im Beutel zusammen kratzen und den unterschiedlichsten Desastern hilflos ausgeliefert sind. Egal wo auf der Welt und egal ob grade Sommer oder Winter statt findet!

 

Wiederholungen – nicht nur im Sommer!

 

Und nun auf zu neuem Talk und täglich aufbereiteten News mit Hintergründen frisch auf den Tisch. Erholte Quiz-, Talk-, und Showmaster die uns Das Erste mit spitzem Zeigefinger eine blonde Dame in die Touchscreen-Luft holt.

 

Noch mehr zerredete Information und durchgekautes Altes frisch auf den Tisch des Verbrauchers, Geschädigten, Wählers, Betrogenen, Abgezockten – suchen Sie sich was aus.

Oder sind Sie einfach nur Zuschauer?

 

Hierzulande jagt ein lokales Weinfest, Hoffest oder Trinkfest die trink Festen… jedem Kaff seine Käse-, Wein-, oder Bierkönigin während man andernorts festgebissene Diktatoren los werden will und nichts zu nagen und zu beißen hat, noch nicht mal anständig die Fliegen von den geschwächten Kinderkörpern vertreiben kann.

 

Gäuboden-Fest, Oktober-Fest, feste, feste weiter… das Theater mit Parallelprogramm aus Tragödie, Satire und Lustspiel… und dann die dramatische Frage: hatte der Bundespräsident zu lange geschwiegen oder hat er als er nicht mehr schwieg das Falsche gesagt oder hätte er es anders sagen müssen, damit es den hypersensiblen Ohren der Lauscher richtig vorgekommen wäre oder muss das was ein Bundespräsident sagen darf, wenn er etwas sagt, zensiert und weich gespült an die Öffentlichkeit dringen, kompetenzerläutert und hieb- und stichfest???

 

Oder darf ein Bundespräsident einfach nichts sagen, weil ihm der Kamm schwillt?

 

Theater, Theater… auch ohne Sommer. Sie werden es sehen!

 

 

 

 

 

 

Gemauert

Betrachtungen zum Mauerbau vor 50 Jahren

 

Im Sommer kam sie immer. Mit einer altmodischen karierten Reisetasche und mindestens zwei –ebenso altmodischen Koffern. Und für mindestens vier Wochen war mein Zimmer dann ihres und ich musste im Zimmer meiner Schwester schlafen.

 

In guten wie auch in schlechten eigenen Finanzlagen wurde für sie eingekauft.

Sie wurde herum gefahren zu Stätten der Kindheit, auf Friedhöfe und zu Verwandten, die wir sonst kaum trafen.

Unsere Tante Süßmilch.

Tante Süßmilch, der wir zwei Sandmännchen zu verdanken hatten und das Buch von Alfred Welm „das Pferdemädchen“. Tante Süßmilch, die nimmermüde zähe geschmacksneutrale Schokolade mit brachte und graues eigentümlich muffig gemustertes Briefpapier, damit ich ihr wieder schreiben konnte.

Und schon damals schrieb ich gern und viel und eben auch ihr. Ob auch Kinder- und Jugendbriefe geöffnet wurden, ab und an – danach habe ich nie gefragt und falls doch, so hat es meine Tante Süßmilch mir zuliebe wohl verschwiegen.

 

Ich erinnere mich an ihre Begeisterung über unsere Margarine „oooch, DAS schmäääckt…!“ Und sie ließ die Butter stehen. Ich hörte ihre abenteuerlichen Geschichten die sie von ihrer letzten Rückreise berichtete, als sie für ihren Sohn und die beiden Enkelkinder Taschenrechner „hautnah“ nach „drüben“ fuhr.

 

Und ich erinnere mich an die Pakete, die Jahr für Jahr zu Weihnachten mit viel Grübelei und Akribie zusammengestellt und gepackt wurden, denn obwohl die Praxis hierfür mit jedem Jahr zunahm… nie konnte man wissen, was für teuflische Feinheiten in gerade diesem Jahr neu waren…

 

Für mich war das alles normal. Ein geteiltes Land, eine geteilte Verwandtschaft und alles was damit zusammenhing. Erzgebirgische Lichtorgeln und Weihnachtsfigürchen ebenso, wie unsere Fahrt eines Sommers „nach drüben“. Meine Angst, als sie uns unseren sehr neuen Peugeot damals auseinander nahmen und die Angst der Süßmilchs, dieses Auto vor ihrem Hause im Mecklenburgischen könne sie allüberall in Misskredit bringen „Westbesuch“ – das war keine gute Idee… so mussten wir das Auto in ihren Hof zwängen und der wurde gut verrammelt.

 

All dies geht mir durch den Kopf wenn dieser Tage groß getöst wird von Gedenken und Bedenken und Erinnerungen und wenn wir in der „ersten Reihe“ auf unseren bequemen Sofas von Mauerschicksalen aller Arten überschwemmt werden.

 

So ein Gedenkstättchen wird der Tragödie und den kranken Gehirnen jenes Kunststaates niemals gerecht! Bilder, Stäbchen und schöner grüner Rasen mit Symbolik behängt – wirken lächerlich angesichts der Verzweiflung von Menschen, die gegen die Dauerbespitzelung und Knechtung auf allen Ebenen machtlos und allein waren.

 

Man sollte sich lieber aktiv und mit allergrößter Sorgfalt jenen zuwenden, die aktuell und laut und unverblümt das DDR-Regime entschulden! Die laut und in laufende Kameras erklären, die Mauer musste ja gebaut werden…

 

„Die Gedanken sind frei…!“ Die Gedanken auch jener, die Mauern in den Köpfen hatten und haben, die wirre Gespinste spinnen sind vielleicht der Beton irgendeines anderen Giftes, dass die Politiker gerade gar nicht sehen wollen oder können, während sie mit ernster Mine und publikumswirksam an ihrem Gedenkstättchen stehen…

 

„Seid wachsam!“ sang Reinhard Mey schon vor Jahren, es wird manchmal schneller gemauert als ihr gucken könnt und vor allem wohin ihr gucken könnt. Wenn alles erst sichtbar wird, ist es längst zu spät… und die „Guten“ schon nicht mehr in der Lage, dagegen zu halten.

 

Meine Tante Süßmilch hat den Mauerfall nicht mehr genießen können… die Zeit war gegen sie gelaufen. Und ihr Sohn – der Cousin meines Vaters – und seine Familie haben sich seit einem „nu-wolln-mer-mal-gucken-kommen-Besuch“ 1990 NIE wieder bei meinen Eltern gemeldet… - sehr zu ihrem Kummer, war man doch gut genug gewesen, jahrelang unter allerlei verrenkungen die Segnungen des Westens nach "drüben" zu schicken.

 

Es gibt viele Arten von Mauern – seid wachsam!

 

 

 

 

 

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Funktionstüchtig


Ich lese ja immer mal gern diese wöchentlich über meine Altpapierkiste herein brechende Prospekteflut. Zwei Drittel brechen ungelesen über die Kiste herein, zugegeben. Das übrige Drittel nimmt den Umweg über den Frühstückstisch – mangels Tageszeitung auch.

Dabei wird man während des Lesens leicht zum Zweifler. Oder zur Zweiflerin in meinem Fall. Dieweilen nicht nur Waren im Angebot sind sondern auch aberwitzige Wortkonstellationen. Keinem fällt es auf. Jeder liest den Schmarrn… oder amüsiert sich wenigstens der Eine oder Andere noch darüber?

Diesmal bleibe ich an den Funktionssocken hängen.

Schon deshalb, weil neben mir mein Strickkorb steht mit zwei Paar Socken, die aufs Fäden vernähen warten und einem der gerade auf den Nadeln hängt.

Wahrscheinlich – so denke ich mit leerem Blick auf die arme aufgespießte Socke – funktioniert die nie. Weil sie nie in einem Prospekt landen wird und sie niemand „Funktionssocke“ nennen wird.

Arme Socke.

Für mich ergeben sich bei näherer Betrachtung drei Funktionen meiner Stricksocken:

  1. sie beschäftigt mich meditativ. Das ist wunderbar. 50 Meter Faden so zu verwickeln, dass es nachher wie eine Socke aussieht.
  2. Sie peppt mehr oder weniger chick meine schwarzen Strumpfhosen auf, zum Jeansrock etwa – über die Kurzstiefelchen gestülpt. In bordeauxrot oder – Farbe der Saison: violett. Wie auch immer. Jeansblau gemustert – hab ich auch.
  3. UND: sie macht meine ewig kalten Winterfüße warm. Gemeinsam mit ihrem Partner. Dünne Socken, Stricksocken drüber… fertig.

Und mir fällt und  fällt nicht ein, welche Funktionen ein Paar Socken noch haben könnte oder müsste, um den Titel „Funktionssocken“ zu bekommen!

Was außer wärmen und zweifelhaften Chick an kurzbehosten Männerbeinen verbreiten müssen Funktionssocken noch können?

Hilfe nahte, ich wurde belehrt: „funktionale“ Stoffe, die Wasser abweisend, Wind abweisend, dabei Schwitzfeuchtigkeit durchlassend, polsternd, schlank machend, nicht einschneidend und was weiß ich noch – machen die Funktionssocken aus…

Ich trug während der halbmeterhohen Schneephasen meine untüchtigen Socken in den Boots und trage sie jetzt in meinen Sportschuhen. Ich trug sie zusammen mit meiner Geleinlage in den chicken Stiefeln und ich werde sie weiterhin als netten Farbtupfer über die Kurzstiefelchen gestülpt tragen.

Sie machen mir warme Füße, Spaß beim Stricken und manchmal auch gute Laune, wenn die farbige Truppe über dem Wäschetrockner hängt… Ein Paar für einen Euro. Mir reicht das an Funktion völlig aus. Ach ja – und manchmal verschenke ich auch welche! Obwohl mir Freunde schon des Öfteren sagten, ich solle sie doch verkaufen!

DAS wäre natürliche eine ganz andere Funktion, die meine Socken dann für mich hätten…

 


 

 

 

 

 

 

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Wer ist Deutschland – Versuch einer globalen Identitätsfindung

(Kleine Philosophie zu einem Werbespot, 2007)


Ich bin 1,65 m groß und 50 kg schwer UND: Ich bin Deutschland! Frau Meier ist auch Deutschland, obwohl sie ein wenig größer und schwerer ist als ich. Ob Boris Becker auch Deutschland ist, weiß ich nicht genau. Herr Seehofer wohl auch. Frau Merkel ist auch Deutschland – wenn nicht die, wer dann? Jetzt wird auch klar, warum jeder von uns Deutschland sein muss, denn wir alle sind ja Kanzlerin!

 
Ob Ünal, der seit 35 Jahren in Deutschland lebt und seit zwanzig Jahren Taxi fährt, ebenso Deutschland ist, sagt Günther Jauch mir nicht. Zugeben muss ich, dass es mir schwer fällt, vom kollektiven Papst- und Kanzlerin-Sein plötzlich auf mich geworfen Deutschland im Singular sein zu müssen. Ganz eindeutig: er zeigt ja auf mich und sagt beschwörend: „Du … bist Deutschland“! Zugleich erklärt man mir in mein Wohnzimmer hinein: „Du bist die Anderen!“ Noch schlimmer: Ich soll alle 82 Millionen Deutsche sein. Ja, wie jetzt!? Doch Kollektiv? Ist Deutschland dann DU, also in dem Fall ich? Ach, ich merke es mehr und mehr: es fehlt mir doch das stützende Kollektiv!

Wir sind Papst und – wie schon erwähnt – auch Kanzlerin. Da gewöhnt man sich doch! Und wir sind das Volk! Es stellen sich auch noch weitere Fragen.
Ja! Was hilft es Deutschland, wenn ich ein Baum bin? Gemeinsam mit Günther Jauch und anderen erklärt mir Anne Will was ich noch bin! Neben Deutschland, den Anderen und einem Flügel bin ich auch ein Baum! Welch Zerrissenheit! Endgültig verzweifelt bin ich bei dem Gedanken, dass mein Wille Schumi gewinnen lassen wird. ICH bin also auch Schuld, wenn er verliert. Welch Verantwortung.

Wie lange – so grüble ich - genügt es, dass jeder von uns Deutschland ist? Wann guckt mich Günther Jauch abends an uns sagt mir beschwörend: „Du …. bist Europa!“? Und wir wissen ja alle, wenn mal was so anfängt, dann kommt man nicht zur Ruhe. Während ich bereits zähneknirschend anfange, Europa zu werden indem ich als Selbstständige die EU-Vermittlerrichtlinien „umsetze“, trauere ich Lücken nach. Ich wäre gerne vorher, sozusagen als Probelauf, noch „meine Stadt“ gewesen und hätte – nun schon in Übung – mich dann als „ich bin Unterfranken“ vorgestellt. So gerüstet, hätte ich – nach einer gewissen „Ich-bin-Bayern-Zeit“ mit Schwung mein Dasein als Deutschland begonnen. Oder hab ich da was falsch verstanden?

Kein Wunder, dass Deutschland nicht voran kommt, wo doch längst jeder Europa ist. Globalisierung nennt sich das – morgen bin ich Welt!
Und was aus uns allen wird, wenn ich übermorgen Mars sein muss, weiß ich noch nicht. Da sind die mit ihrem Deutschland-Spot nicht auf der Höhe der Zeit. Ich aber blicke nach vorn: Nach Mars kommt Mrs. Universum!

Oder so: Frau Müller, geborene Schmidt, verwitwete Schulze. Sie hat drei Kinder allein durch den Zweiten Weltkrieg gebracht, ihren ersten Mann an der Ostfront verloren, war Trümmerfrau, hat spät ihren Herrn Müller geheiratet. Jetzt ist Frau Müller 87, lebt vielleicht von 800 Euro Rente. Hut ab, Frau Müller. SIE sind Deutschland! Welchen Werbespot hat man Ihnen gezeigt? Sie waren mit Zähigkeit, Tapferkeit, Verantwortungsgefühl, Fleiß, Rechtschaffenheit, Bescheidenheit, Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft, Ehrgefühl und Humor einfach Frau Müller?!

Nee… ich verweigere! Will kein Baum sein, auch nicht 85 Millionen Deutsche. Zuerst muss ich mal mich in Ordnung bringen können – dann klappt’s auch mit Deutschland.

 

 

(für die Schülerzeitung, RiG Würzburg, 2007) 

 




 

 

 

 

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Biogas im Keller

Ein bisschen altmodisch bin ich schon. So hätte ich gern Kartoffeln im Keller. Neue Ernte, jetzt im Herbst. Und soo schwierig kann das doch nicht sein, hier am Stadtrand, fünf sechs Dörfer in der allernächsten Nähe, da wird es schon einen Bauern geben, der mir 10 oder 20 Kilo Kartoffeln zu einem annehmbaren Preis verkaufen kann.

Es fand sich KEINER. Gut, ich bin in einer Ecke Bayerns aufgewachsen, die für ihre Erdäpfel bekannt ist - weil sonst dort nicht so viel aus den Böden zu holen ist in der Oberpfalz. Da war es einfach normal, Kartoffelacker an Kartoffelacker zu sehen. Im Herbst kamen sie dann, die Bauern, die stadtnah ihre Äcker und Höfe hatten. Kamen mit ihren Anhängern voll mit Kartoffeln, klingelten an den Häusern und Mietwohnungen und die Leute strömten mit Putzeimern oder den leeren Säcken vom Vorjahr herbei und man bekam eingefasst und auf dem Wagen gewogen...

Möglich, dass dies heute auch nicht mehr so ist!? Jedenfalls hatten wir ja Bauern in der Familie und zumeist wurde zumindest in meiner früheren Erinnerung dort vorgefahren und die Kartoffeln für die Verwandschaft geholt...

Hier also gibt es keine Kartoffeln "ab Hof" und während ich sinnend mit den Hunden über die leeren Felder streife, fällt mir ein, dass es keine Kartoffeln zu kaufen geben KANN wo keine gewachsen sind und geerntet wurden! Und habe ich in den vergangenen zwei Sommern hier vielleicht auch nur einen Kartoffelacker gesehen? Nein. Raps, ein wenig Weizen, Zuckerrüben und Mais, Mais, Mais, Mais... Und jedem seine Biogasanlage auf den Hof!

Ich bin LEIDER nicht Bäuerin geworden. Und so ist mir das mit- und ineinander von Subventionen und rentabler Viehhaltung oder Draufzahlgeschäften wie in der Milcherzeugung nicht geläufig genug. Aber sogar meinem laienhaften Verständnis leuchtet es ein, dass es anstrengend werden muss, Kartoffeln oder Hafer, Gerste und Roggen beizubekommen, wenn vor jedem Dorf nur noch Mais und Raps wächst! Toll, dass alle selber ihren Strom machen, nur können wir in den nicht rein beissen! Und was nutzt uns erneuerbare Energie, wenn wir an der anderen Ecke wieder Energie benötigen um die fehlenden Grundnahrungsmittel in die Supermärkte zu kriegen?

Ja, schon klar! Wo uns Tag für Tag die traute Fernsehkoch-Familie mit Qualität aus der Ferne bekocht, da braucht man ja nicht mehr so dringend einen Sack Erdäpfel im Keller, eingeweckte Kirschen und Pflaumen im Regal und die Preiselbeeren kaufen wir beim Schwedischen Möbelhaus oder für ca. einen Euro günstiger beim Discounter. Champignons  aus Polen - auch der nächste Weg! Ich bedauere es zutiefst, dass ich einfach nicht mehr über Pilze behalten habe, als das sichere Auffinden von Steinpilzen und Rotkappen, auch Birkenpilz genannt. Eierschwammerl - die kenne ich auch. Bei "Maronen" tu ich mich schon schwer... mir fällt partout nicht mehr ein, ob das nur ein weiterer Name für die Birkenpilze ist, oder eine weitere Schwammerlsorte??? So hätte ich mir in diesem Herbst eine Fuhre Pilze einfrieren können. Mein Opa hatte dieses Wissen und seine geheimen Schwammerl-Plätze - streng gehütet... ich war noch zu klein um mir all dies zu behalten, wenn er mich auf dem Fahrrad mit in den Wald nahm...
Cornelia und Sarah hinter der Fernsehküchenzeile sind sich einig, dass sie nur DIESES (teuere) Speisesalz verwenden - nahezu frevelhaft kommt mir mein Salzpackerl in der Küche vor: SEHR preiswertes Salinensalz. Und es salzt schon auch.
Zwischendurch wird auch mal "einfache" Küche propagiert, sodass nicht ein Drittel des Fernsehpublikums weg bricht... dennoch, diesen Qualitätsrausch kann sich jemand mit nicht ganz 700 Euro Rente oder Hartz IV nicht leisten, selbst wenn er nicht raucht und treudoof auch nicht mehr die Flasche Wein zum Sonntagsessen kauft, weil offiziell "heraus gerechnet".

Grade deshalb hätte ich gern meinen altmodischen Nachkriegs-Keller mit einem Kartoffelvorrat bestückt und zu den eingekochten Birnen noch so einiges andere gesellt. Aber selbst Schlehenlikör selbstgemacht geht schon fast nicht mehr: zum einen mangels Schlehen, zum zweiten mangels Frost! (Was im Gefrierschrank noch zu simulieren wäre) und mangels Budget für den Erwerb einer Flasche Korn, die zum ansetzen des Likörs nötig wäre, aber ja in  den Alg2-Sätzen nicht vorgesehen - "auf dass ihr euch nicht sinnlos besaufet" frei nach dem Römerbrief...

WAS ich allerdings könnte: eine subventionierte? Biogasanlage in den Keller bauen, ganz klein natürlich und nur für meinen Bedarf! Das heißt: ich könnte ja vielleicht was vom Strom den ich nicht benötige an meine Mitmieter verkaufen und damit meine Kasse aufbessern - nicht zu viel, sonst brüllt der Staat wieder "Bereicherung"!!!! Bereichern darf sich nur, wer eh schon Kohle hat, nicht arme Rentner und die Alg2ler... Aber so viel halt, dass ich Preiselbeeren, Schwarzbeeren und - richtig! - Kartoffeln im Supermarkt kaufen kann.

Und den Mais für meine Keller-Biogasanlage muss ich nicht mal kaufen! Ich muss nur auf Zack sein, wenn wieder ein Maisfeld abgeerntet wird... das läuft nämlich derart schlampig, dass ich von den Resten quasi umsonst meine kleine Anlage befüttern könnte, oder?

Übrigens: Letzte Woche habe ich mit meiner Tante Gitti telefoniert: Sie kauft mittlerweile ihre Erdäpfel auch woanders... selber hat sie keine mehr und auch die "Jungen" nicht...

Und: Polenta schmeckt schon auch gut - - - vielleicht mit „a bisserl Knoblauch, Ingwer und a weng am guad'n Vanill'“ nach Schubeck und Salz aus der Salzmühle?
 

 

 

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Von Kuscheldecken, Fleecepullovern und anderen Zeitmessern

Mein Drachenbaum leidet. Er leidet unter der Hitze... nicht nur er aber er am augenscheinlichsten! Nicht, dass er nicht gegossen würde, nein! Jeden zweiten Tag pilgere ich mit der großen Gartengießkanne durch die Wohnung um den Wasserverbrauch bei fast 36 Grad Zimmertemperatur auszugleichen! Dennoch wirft er nun die Blätter.

Mir ist dank meines grünen Daumens (und auch der restlichen Finger in grün) sofort klar: der Arme hat es zu finster!!! Nachdem nach frühmorgendlichem Scheinlüften die Rollläden spätestens um 8 Uhr wieder geschlossen werden, bekommen meine Zimmerpflanzen kaum Sonne, vermutlich weniger als im Winter! Die Armen haben die Wahl zwischen verbrennen oder entlauben durch andauerende Finsternis!

Während also landauf landab nicht nur Pflanzen und Tiere auf Kühlung warten, und auch der Mensch - der Mitte Mai noch glaubte, der Sommer fiele aus - gerne wieder etwas anderes tun würde als drei mal täglich duschen, fünf T-Shirts verschwitzen und für Mineralwassernachschub sorgen...
Machen sich in den Werbeprospekten der Discounter leise und weich Fleecepulover breit, wetterfeste, winddichte und dennoch atmungsaktive Jacken  und Hosen... "Outdoor-Schuhe" mit dem Wahnsinnsprofil und uns wird klar gemacht, dass es unweigerlich nach der Hitze auch wieder Herbst werden wird!!! Wir frieren könnten und uns auch Dauernieselregen und Temperaturen um die 10 Grad oder drunter nicht von unserer täglichen Walkingtour abbringen sollten!!!
Ich nehme versonnen das nächste bunte Werbepapier in die Hand auf der Suche nach einem Angebot über leistungsfähige Deos die KEINE weißen Ränder auf meinen geliebten schwarzen Tops hinterlassen und blicke fast ärgerlich auf eine Dame in "Kuscheldecke mt Ärmeln". Glücklich räkelt sie sich - wegen der Ärmel also auch schulterwarm - auf dem Sofa.
Es ist die vorletzte Juli-Woche... mich wird mitten im Hochsommer das gleiche Schicksal ereilen wie meine Zimmerpflanzen - ich muss die sengende Sonne meiden und werde deshalb unweigerlich blaß und blässer und soll mir eine Kuscheldecke kaufen?

Ich kann mich gar nicht täuschen! Der Baumarkt tönt mit "alles muss raus" und 30% Rabatt auf alle Gartenmöbel! Vermutlich verstopfen im Lager schon die Plastikkürbisse und Hexenfiguren zu Halloween dringend benötigt! die Regale. Und am Lieferanteneingang drängen sich die ersten Glaskugeln in den neuen Farben des nahenden Weihnachtsfestes...
Während ich noch jede rote Tomate einzeln begrüße, machen sich schon die Friedhofslampen und Grablichte breit...

Eine weitere Füllung des Hundewassernapfes ist fällig... Frei nach Karl Valentin könnt ich sagen: Die Zukunft kam früher auch langsamer...

Und ein weiteres Mal beschließe ich, Grablichte Ende Oktober zu kaufen, den Christbaum eine Woche vor Heiligabend und so lange Eis zu essen, solange mir die Sonne warm auf meinen Balkon scheint... auch wenn dies Mitte September sein sollte, wo am Bahnhof schon der Lebkuchenstand aufgebaut wird!

Ach ja! Und zwischen Hochsommer und Tiefwinter sollte es doch noch ein paar angenehme sonnenhelle Tage geben, in denen sich meine Zimmerpflanzen dem Licht entgegenstrecken können - ganz entspannt im Hier und Jetzt!

 

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… woher der Honig fließt -

Vor dem Regal mit dem Frühstücks-Zubehör stehe ich. Honig soll es sein. Seit meine vier Kinder aus dem Haus sind, gucke ich öfter mal über den Discounter-Tellerrand. Nicht, weil ich jetzt so viel Geld habe. Nein. Ganz sicher nicht. 

Reden wir grade nicht darüber, mit wie wenig ich im Monat auskommen muss, seit die ARGE mich loswerden will, der Rentenversicherer mich aber nicht unbedingt möchte – als Leistungsbezieher. Als Zahler schon. 

Nichts desto trotz macht es einen Unterschied, ob ich in früheren Jahren für fünf Leute Honig kaufte, der dann – ehe ich einmal den Löffel in selbigen stecken konnte schon fast wieder weg war, oder ob ich heute wochenlang mein Frühstückslöffelchen eintauche – meist nur samstags und sonntags. Unter der Woche gibt’s Haferflocken mit Äpfelchen oder Banane und – jaaaaa, giftig! – Schokochips! 

Während ich mir den Kopf darüber zerbreche – um mich zu amüsieren und der harten Realität was zum Schmunzeln abzugewinnen – wie man es schafft, den Bienen zu sagen: Ja keine Apfelblüten anfliegen, denn DAS wird Kastanienblütenhonig! – werde ich stutzig:

Es gibt – okay – Blütenhonig. Vermutlich irgendein Gemisch, wo die Bienen noch nicht so richtig dressiert waren.

Dann gibt es Akazienblütenhonig. Auch klar. Wahrscheinlich wurden die Bienenhäuser direkt unter die Akazien gestellt oder aber eines schönen Tages Akazien bei den Bienenhäusern gepflanzt, damit da nicht aus Versehen Klee angeflogen wird….

So ähnlich, denke ich, wird es mit dem (sauteueren) Orangenblütenhonig sein.

Allmählich habe ich das Sortiment durch. Und komme doch schwer ins Grübeln. WENN also Blütenhonig aus Blüten ist, Orangenblütenhonig aus Orangenblüten und so weiter… Ist dann – man möchte es kaum glauben – Imkerhonig aus… Imkern???

Ich soll nicht so dumm fragen? Ja, aber bitte… In einer Reihe mit all den anderen Honigs stehen dann eben noch Imkerhonig und Bienenhonig. Toll. Verhonigen sich in Letzterem die Bienen dann selbst?

Ich schiebe mein Wägelchen weiter. Hab mir ein kleines Gläschen Kastanienblütenhonig gegönnt, in der Hoffnung, dass da auch wirklich die fleißigen Bienchen nur Kastanienblüten anflogen und keine Imker oder gar sich selbst.

Bei meinem ersten Frühstück mit dem neu erworbenen feinen Honig – und ich weiß, dass Kastanienblütenhonig wirklich anders schmeckt als Blütenhonig – freue ich mich darüber, dass so ein paar Honigetiketten meine wirklich echten Sorgen ein wenig aufmischen und ich male mir Honigkringel auf mein Billigbrötchen, überlege, wie das wohl mit dem Waldhonig funktioniert und stelle mir die Bienchen mit Säge, Sicherheitshelmchen und Holzfuhrwerken vor…

Ich wünsche einen netten Tag – sucht Euch was zum Lächeln



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